Den Sarek im Sturm erobert
 

Ski-Trekking am Polarkreis in Schweden.

von Andrea Keller und Jann Breitschmid

Der Sarek-Nationalpark liegt etwa einhundert Kilometer nördlich des Polarkreises und 150 Kilometer westlich von Gällivare, einer der grössten Bergbaustädte Nordeuropas. Die Landesgrenze zu Norwegen verläuft nur wenige Kilometer westlich des Parks. Nach zwei Jahren mit Sommertouren in Nordschweden finden wir endlich wieder im Winter in diese wunderschöne Gegend zurück.

Für die Durchquerung können wir von unseren Erfahrungen aus dem Jahr 1998 auf dem in der Nähe des Sarek-Nationalparks liegenden Kungsleden (Königsweg) profitieren. Wir haben damals die nördliche Hälfte dieses etwa 450 Kilometer langen Weges in zehn Tagen zurückgelegt; er ist grösstenteils markiert und mit einer guten Infrastruktur (SAC-ähnliche Hütten in Abständen von zehn bis dreissig Kilometern) versehen. Leider ist jener Weg teilweise (zu) stark frequentiert, vor allem auch von den dort stark verbreiteten Motorschlitten. Deshalb haben wir uns diesmal für den völlig weglosen Sarek-Nationalpark entschieden.

Ende März bis Ende April ist die ideale Zeit für ein solches Unterfangen. Es ist meist nicht mehr so kalt wie im Hochwinter und, in der Regel, auch nicht mehr so stürmisch. An einem sonnigen Tag kann es ein, zwei Grad über Null werden, in klaren Nächten aber durchaus minus zwanzig Grad. Die Zeit der langen Nächte ist dann vorbei, die Tage sind um diese Zeit sogar etwas länger als in unseren Breitengraden.

Die Ausrüstungsliste ist lang, sie reicht vom Zelt mit warmem Schlafsack, Koch- und Essgeschirr, viel warmer Kleidung bis zu einem riesigen Nahrungsmittelvorrat. All diese Dinge finden in meinem Rucksack und einer von Jann gezogenen Pulka (Schlitten) Platz. Der Rucksack dürfte etwa fünfzehn Kilogramm wiegen, die Pulka (zu Beginn und inklusive Eigengewicht) gegen vierzig. Für das Fjäll eignen sich Telemark-Ski hervorragend. Etwas breiter als Langlaufski, sinken sie bei Tiefschnee weniger ein. Telemark-Ski bekommt man mit oder ohne Schuppen; für Wanderungen in diesem wenig steilen Gelände sind Schuppenski ideal. Ich werde meine Felle während der ganzen Tour ein einziges Mal brauchen, Jann, der die Pulka zieht, wird sie fast dauernd aufgezogen haben.

Wir gedenken, etwa zehn bis zwölf Tage unterwegs zu sein. Eine genaue Routenplanung ist nicht möglich, da dies völlig von den temporären Wetter- sowie "Weg"-Verhältnissen abhängt. Der Anfangspunkt Ritsem, Strassenende sowie Bus-Endstation, ist bekannt. Mehrere verschieden lange Routen, können dann zu drei potenziellen, mit Buslinien erschlossenen Endpunkten führen.

Die Anreise nach Ritsem ist lang. Egal ob mit Zug und Bus oder Flugzeug und Bus, benötigt man mindestens dreissig Stunden, zumal man in Gällivare noch den Brennstoff für den Kocher beschaffen muss. Am Mittag des 18. März stehen wir vor der Fjällstation (sehr einfaches Hotel) in Ritsem. Eigentlich wollen wir diese Nacht dort verbringen, uns akklimatisieren und uns mit dem Receptionisten über Wetter und Bedingungen unterhalten. Der aber ist derart unfreundlich, dass wir beschliessen, sogleich loszuziehen. Die Zeit reicht gut für die Überquerung des Vuoksajaure (jaure = See), eine Distanz von etwa zehn Kilometern. Die Sonne scheint und die Temperatur ist etwas über dem Gefrierpunkt. (Winter-)Wanderherz, was willst Du mehr?

Wir campieren nicht weit vom Südufer entfernt, etwa einen halben Kilometer von der Akka-Hütte entfernt. Wir hätten auch in der Hütte schlafen können, wollen uns aber im Zelt "einleben". In der Nacht kommt heftiger Wind auf. Als wir am nächsten Morgen erwachen, gehen schwere Flocken auf unser Zelt nieder. Schneeregen! Und es kommt noch dicker - am Nachmittag wird es wärmer und damit fällt die Komponente Schnee weg. Regen im Winter, nördlich des Polarkreises! Wir können es kaum glauben und verbringen den Tag lesend, ausser wenn der Weg der Verdauung wegen unvermeidbar wird.

In der Nacht wird der Wind heftiger und damit fast zum Sturm. Am darauffolgenden Tag brechen wir das Camp bei dichtem Schneetreiben ab und marschieren die etwa 500 Meter zur Akka-Hütte. Dort haben sechs Deutsche und ein Schwede übernachtet. Zwei der Deutschen und der Schwede haben ihre Touren vorzeitig abgebrochen, sie berichten von äusserst schwierigen Bedingungen im Sarek und physischen Problemen. Die anderen vier Deutschen und wir brechen trotzdem auf. Die ersten zwölf Kilometer bis zum Kutjaure sind markiert und werden trotz Schneetreiben problemlos zu gehen sein, denken wir. Aber es kommt anders. Nach etwa zwei Stunden werden Sturm und Schneefall so stark, dass wir kaum zehn Meter weit sehen. Das reicht nicht mehr, um den Markierungen folgen zu können, wir müssen warten, bis das Wetter besser wird. Das Zelt aufstellen, lesen - wir kennen die Routine bereits vom gestrigen Tag.

Auch am nächsten Tag können wir nur zwei Stunden gehen, dann hören die Markierungen auf. Wir müssten den Kutjaure überqueren, und das geht nur auf Sicht. Der Ausfluss sei, das haben wir am Vortag gehört, zu schwach, um tragfähig zu sein. Einen sicheren Bogen um diese Stelle zu schlagen, würde an diesem Tag nicht mehr gelingen. Am nächsten Morgen wieder Schneetreiben, schlechte Sicht. Die Stimmung im Zelt sinkt; wir beschliessen umzukehren. Nach hundert Metern Rückweg zeigt sich plötzlich die Sonne und gibt die Sicht zum anderen Seeufer frei. Spontan beschliessen wir, die Überquerung zu wagen, und sie klappt. Die Kutjaure-Hütte liegt an der Grenze des Nationalparks und ist das letzte Stück "Zivilisation" für mehrere Tage. Kurz darauf treffen unsere vier deutschen Freunde ein. Auch sie sind von den Wetterverhältnissen "tief" gehalten worden.

Da es erst Nachmittag ist, beschliessen wir, noch etwa zwei Stunden anzuhängen. Sie hängen dann auch uns an, denn der Schnee ist tief und es geht aufwärts ins Ruotesvagge (vagge = Hochtal). In der Nacht, wir hätten es nie geahnt, stürmt es wieder. Am nächsten Tag verändert sich das Wetter kaum, bis auf eine viertelstündige wolkenfreie Phase. Das Tal ist etwa 400 Meter breit, aber oft ist nur eine oder manchmal gar keine Talseite zu sehen. Man geht nach Gefühl, verlieren kann man sich in diesem Tal nicht. Der Schnee ist tief und brüchig. So sind wir froh, als wir fünf Hundeschlittengespannen begegnen, deren Spuren wir für ein paar Stunden benützen können. Wir befinden uns jetzt im landschaftlich spektakulärsten Teil des Sarek, unser Weg wird beidseitig von mehreren Gletschern gesäumt. Wir sehen aber keinen einzigen, so schlecht ist die Sicht. Jann frotzelt, dass das Wetter sicher besser werden würde, sobald wir, in ein bis zwei Tagen, an dieser wunderbaren Szenerie vorbeimarschiert wären. Er sollte recht behalten.

Nach einer weiteren stürmischen Nacht gelangen wir am kommenden Tag zum Mittelpunkt des Parks, wo eine geschlossene Hirtenhütte der Samen und ein Nottelefon stehen. Und ausgerechnet hier, wo wir den Weg ins Rappadalen (dalen = Tal) finden müssen, sehen wir kaum unsere Hände vor den Augen. Etwa einhundert Meter von der Hütte beginnt sich der Smailajakka (jakka = kleiner Fluss) eine kleine Schlucht hinunter ins Rappadalen zu graben. Wir queren den Fluss etwas oberhalb der Hütte und suchen uns dann den Weg hinunter ins Tal. Nur schemenhaft sind Büsche und kleine Bäume auszumachen. Wenigstens lassen sie darauf deuten, dass das Gelände geradlinig und ohne Wächten abfällt. Jann hat Bedenken, dass ihn die Pulka plötzlich schräg abwärts ziehen könnte. Aber nichts dergleichen geschieht, und wir gelangen wohlbehalten ins Tal. Jann legt heute Nachmittag eine kleine Formkrise ein, und so führe ich die meiste Zeit. In einer Spur gehen zu können, macht es für ihn erheblich leichter, zumal er wegen der Pulka permanent Felle an den Skiern hat. Kurz bevor wir unser Camp errichten, bricht die Sonne durch. Es sieht nach einer Wetteränderung aus, und die tritt über Nacht auch ein.

Der nächste Morgen empfängt uns mit herrlichem, warmem Wanderwetter. Gutgelaunt ziehen wir los. Endlich sieht man wieder etwas von der Gegend und begegnet auch wieder einzelnen Wanderern. Das Rappadalen ist sehr pittoresk. Zwei imposante und wunderschöne Berge, der Skjerfe und der Tjakkeli, weisen den Weg ins Flussdelta und zur Aktse-Hütte, die sich bereits ausserhalb des Nationalparks befindet. Wir erreichen sie am nächsten Tag um die Mittagszeit. Ausser dem Hüttenwirteehepaar ist niemand zugegen. Wir wollen hier einen halben Ruhetag einlegen, uns und unsere Ausrüstung etwas pflegen und retablieren.

Die Aktse-Hütte liegt am viel begangenen und auch von Motorschlitten befahrenen Kungsleden. Der Nachteil, dass ab und zu ein Scooter vorbeiheult, wird zumindest teilweise von deren Spuren aufgehoben, in denen man gut vorankommt. Wir starten in Aktse bei leicht bedecktem Himmel. Der Aufstieg aus dem Rappadalen ist teilweise sehr steil, vor allem wenn man eine Pulka hinter sich herziehen muss. Jann rutscht mehrmals aus, fällt hin und flucht so laut, dass man es wahrscheinlich bis nach Stockholm hören kann. Auf dem Bergrücken zwischen dem Rappadalen und der Sito-Seenplatte werden wir gleich doppelt belohnt: Zunächst mit einer atemberaubenden Aussicht nach Nord und Süd und dann mit einer tollen Schussfahrt hinunter zum Sitojaure. Nach dessen Überquerung kommen wir um die Mittagszeit in der Sitojaure-Hütte an. Am Nachmittag verabschieden wir uns wieder, um auf dem Sitojaure noch zwei Stunden westwärts zu mar schieren. Es ist völlig windstill, als wir das Zelt aufstellen, fast unheimlich. Wir glauben, dass das Wetter umschlagen wird.

So ist es. Am nächsten Morgen kommt Wind auf. Und wie. Nachdem wir bis anhin auch beim stürmischsten Wetter Rückenwind "geniessen" konnten, bläst er uns nun mit voller Wucht entgegen. Etwa zwei Stunden geht das so, bis wir von West nach Nord in ein schmales Hochtal abbiegen, das uns vor dem Wind schützt. Die Sicht bleibt gut, da kein Niederschlag fällt. In zwei Tagen, so rechnen wir, können wir leicht nach Saltoluokta, dem nun gesetzten Ziel unserer Tour, gelangen.

Aber wie leicht die Natur Pläne durcheinander bringen kann! Über Nacht kommt, zur Abwechslung, wieder einmal Sturm auf. Als er am Morgen dreht, gibt es Probleme. Er fällt nun von der Seite in unser Tunnelzelt ein und legt es, gerade als wir es abbrechen wollen, flach. Eine Zeltstange ist gebrochen, die andere unbrauchbar verbogen, und auch das Aussenzelt hat leichten Schaden genommen. Unsere geplante Zweitagestour wird zum Tagesausflug umfunktioniert; aber die wird es in sich haben. In den ersten zwei Marschstunden wütet der Sturm pausenlos von der Seite auf uns ein. Er bringt eine Warmfront, welche die Temperaturen frühlingshaft weit über Null Grad schnellen lässt. Der Schnee durchfeuchtet, erschwert das Vorankommen zusehends und verdirbt uns auch die Abfahrt zum Pietsaure. Dafür haben wir den Wind nun im Rücken; wir fliegen beinahe über den See. Manchmal kann man sogar einfach die Arme ausbreiten, die Ohren ausfahren und so ein paar Meter segeln.

Während es im Sarek noch eineinhalb bis zwei Meter Schnee hatte, haben wir, auf dem Weg vom Ostufer des Pietsaure nach Saltoluokta, mit Schneemangel zu kämpfen, grüne Stellen müssen umgangen werden. Mir schwinden langsam die Kräfte, und ich sehne mich nach einer heissen Dusche. Die fünf Kilometer vom See bis zur Abfahrt hinunter in die Fjällstation erscheinen mir unendlich lang. Mittlerweile ist der Schnee so nass, dass aus dem erwarteten "Schlussbouquet" der Reise, der Schussfahrt ins Tal hinunter, nicht mehr viel wird. Das macht mir allerdings nichts mehr aus, als die Unterkunft mit Dusche, warmem Abendbuffet und ebensolchem Bett in greifbare Nähe rücken.

Manchmal werden wir gefragt, ob man denn so eine Tour in der Kälte, dazu noch bei stürmischem Wetter, überhaupt geniessen kann. Man kann. Trotz schwierigen Wetters haben wir nie gelitten, noch nicht einmal gefroren. Tagsüber haben wir viele, aber dafür nur kurze Pausen gemacht. Und in der Nacht war es in unseren Schlafsäcken immer kuschelig warm. Gute Ausrüstung macht den Unterschied. Dass wir von den schönsten Landschaftsabschnitten nichts gesehen haben und nicht so weit gehen konnten, wie wir eigentlich wollten, war Pech, nicht mehr. Zwölf Tage in weitgehend unberührter Natur zu verbringen, das zählt.

Andrea Keller und Jann Breitschmid


Copyright on all photographic, written and illustrative material supplied for publication on this AACZ website remains that of the producers. Reproduction of material presented on these pages may be granted by the author. He or she can be contacted through the Webmaster.
AACZ   Akademischer Alpen-Club Zürich
AACZ / 20. Apr. 2005 (ab)
info@aacz.ch