Das schwere Lottchen
 

Dauphiné: Das Couloir Gravelotte an der Mejie (3983 m)

Wochenendfahrten des AACZ ins Ausland waren bis vor kurzem relativ selten - ich habe mich immer gefragt, warum. An der Entfernung konnte es nicht liegen, denn im Montblanc ist man wesentlich schneller als im Wallis, und im Schwarzwälder Gneis kann man klettern, wenn die Alpen dick verschneit sind. Erst in jüngerer Zeit, da der Club (zum Leidwesen mancher Altvorderer) von Ausländern geradezu überflutet wird, ändert sich das. Kein Wunder, dass an der Auffahrts-Ausfahrt 2000 in die Dauphiné drei Deutsche (neben dem Autor Klaus Minges die Nicht-AAC-ler PH und Jan Berghoff-Flüel) und ein Österreicher (Andreas Frank) beteiligt waren. PH, der routinierteste Notbiwakierer des westlichen Alpenraumes, schien mir besonders geeignet für eine Route, die uns doch satte 17 Stunden Gehzeit abverlangen sollte.

 

Das Massiv der Meije von NO, Blick vom Hüttenaufstieg zum Refuge de l'Aigle, Dauphiné, Juni 2000 (Foto PH)

 

 

Die Meije, ein mehrgipfeliger Koloss, dem gerade 17 Meter zum Viertausender fehlen, ist dafür berüchtigt, dass kein Anstieg durchschnittlich oder gar leicht ist. Auch schon als schwierigster Berg der Alpen bezeichnet, ist er unter 10 Stunden und dem IV. Grad nicht zu haben; vor allem die Traversierung ist wirklich lang. Es war Frühjahr, die Zeit für grosse Eisanstiege, und im immer noch umfassendsten Steileis-Buch von Erich Vanis (unter Fans nur "Erich Wahnsinn" genannt) ist die Meije-Nordwand mit gleich 4 Routen vertreten. Wir wählten nicht die längste (das Couloir Z, das im oberen Teil noch einige Längen mit V gradiertem Fels aufweist), sondern das Couloir Gravelotte, das als direkte Linie auf den Grand Pic zielt, den höchsten Gipfel des Massivs.

 

 

Andi Frank (links) und Klaus Minges vor dem Refuge de l'Aigle, Dauphiné, Juni 2000 (Foto PH)

Bereits der Zustieg zum Refuge de l'Aigle hat es in sich: 1800 Höhenmeter, die obere Hälfte damals in weichem Tiefschnee. Bevor man den Gletscher erreicht, ist ein Felsriegel zu queren, was regulär auf einem drahtseilversicherten Band geschieht; uns blieb es allerdings unter einem abschüssigen Eispanzer verborgen. Kein Problem für winterfeste Dachdecker wie wir, wohl aber für eine 12köpfige Gruppe von Wanderern, denen ein verantwortungsloser Kettenraucher mit Führer-Abzeichen eine "petite promenade" versprochen hatte. Sie hingen allesamt inmitten der Passage, fest am Kabel vertäut im Angesicht einer wasserbefallenen Eisplatte und zu keiner Handlung fähig, während der "Guide" überlegte, was zu tun sei, und damit die Sonne in den Untergang trieb. Im Vorbeihangeln versuchten wir, den armseligen Haufen mit Sprücheklopfen bei Laune zu halten - vergebens. Darauf hatten sie gerade gewartet. Immerhin: Als wir nachts um 3 Uhr das Lager verliessen, verstopften sie vollzählig die winzige Hütte. Um auf den Gletscher unter der Nordwand zu gelangen, steigt man zunächst durch ein langes, knapp 50° steiles Couloir ab, bei Dunkelheit ein eindrücklicher Auftakt. Im Morgengrauen am Wandfuss angelangt, sahen wir zu, wie sich allmählich ein übermannshoch senkrechter Bergschrund aus dem nächtlichen Schatten löste. Aus bestem Pulverschnee und Firn bestehend, bot er unseren geschärften Waffen keinen brauchbaren Angriffspunkt. PH aber, der deutsch-französische Winkelried, warf sich mit der Brust gegen die Mauer, um den Seinen eine Gasse zu machen. Mangels wehrhafter Gegnerschaft (nur ein paar Steine kamen geflogen) blieb er unversehrt, anders als sein beklagenswertes Schweizer Vorbild. Nachdem auch der ihm folgende Habsburger beim Durchstieg heftig um sich gedroschen hatte, konnten wir vollzählig durch die entstandene Lücke stossen.

Blankeis-Passage im Couloir Gravelotte, Meije N-Wand, Dauphiné, Juni 2000 (Foto PH)

Nun, die Metapher vom Kampf gegen das eisgraue Lottchen soll nicht überstrapaziert werden, auch wenn der folgende Eisfall in der engsten Stelle des Couloirs noch einen kräftigen Guss von Pech und Schwefel, pardon: Löschwasser für uns bereit hielt. Darüber erreichten wir eine längere Passage mit gutem Trittschnee; Jan, zum ersten Mal in einer veritablen Eiswand, und ich mit meinen steinalten Gelenksteigeisen und dem Wanderpickel in der Rechten, waren allerdings die Einzigen, die das zu schätzen wussten. Andi und PH behaupteten, sich im Blankeis wohler zu fühlen. Sie belegten das mit ungebremstem Vorwärtsdrang, auch nachdem die Rinne sich wieder zu 60 Grad steilem Blankeis aufschwang. Immerhin gelang es mir, mit meinem insuffizienten Zeugs - von Bruce auch schon als "children's toys" tituliert - ein, zwei schwierige Längen vorzusteigen. Na ja, zugegeben: Andi und PH hatten die Black-Diamond-Schrauben für uns stecken gelassen. Aber das braucht niemand zu wissen.

Meije: Blick vom Pic Central (3975 m) nach Süden auf die zentrale Gruppe der Dauphiné mit Mont Pelvoux, Barre des Ecrins und Ailefroide, Juni 2000 (Foto PH)

Die Tour endet in der Bréche Zsigmondy, benannt nach dem Begründer des führerlosen Bergsteigens, der 1885 an der Meije zu Tode kam. (Nachdem sich der AACZ auf eine ruhmreiche Vergangenheit im Umgang mit fehlender Gebietskenntnis beruft, sollte diese bedeutende Figur im Club eigentlich bekannter sein.) 150 m höher ragt der Grand Pic auf, zu erklettern über verschneite Felsen des dritten Grades. Will man aber zurück zum Refuge de l'Aigle, so muss man in der Gegenrichtung den langen Grat zum Pic Central aufsteigen, vorbei am Dent Zsigmondy. Trotz eines Fixseils ist das kein einfaches Unterfangen, was PH und Jan bewog, auf den Grand Pic zu verzichten. Andi und ich wollten ihn mitnehmen, aber wir hatten doch unbändig an Schnee und Eis zu kratzen, um hinauf zu kommen.

 

Meije: Ostflanke des Grand Pic (3987 m), Dauphiné, Juni 2000 (Foto PH)

Am Gipfel blieb nicht viel Zeit, denn die Fixseilpassage, die den Dent Zsigmondy zu umgehen hilft, hielt unsere beiden Vorläufer erstaunlich lange auf. Auch bei uns hinterliess diese kuriose Wegstrecke, wo das dünne Kabel kaum eine Hilfe ist, einen tiefen Eindruck: Das glasierte Gully hinauf zum Grat war stellenweise so eng, dass man seitlich abgewandt mit dem Eisbeil nach dem schwarzen Blankeis an seinem Grund angeln musste. Ich empfand es als die technisch schwierigste Länge der ganzen Tour - und dies, notabene, auf der Traverse, nach der Wand.

Meije: Blick vom Pic Central (3975 m) auf Dent Zsigmondy und Grand Pic (3987 m), Dauphiné, Juni 2000 (Foto PH)
Was nun noch folgte, war jedoch das reine Vergnügen: Ein entspannter Gang über den Firngrat zum Pic Central, etwas Abseilen hinunter auf den Gletscher, und dann die Wanderung zurück zur Hütte, all dies mit bester Aussicht über ein weitgehend unbekanntes Panorama. Bei Einbruch der Dunkelheit erreichten wir das Tal, wo sich tatsächlich noch ein Kneipenwirt unserer erbarmte, so dass wir den Abend bei Rauchfleisch und Rotwein beschliessen konnten.
Meije, Westgrat des Pic Central (3975 m) , Dauphiné, Juni 2000 (Foto PH)


Klaus Minges



AACZ   Akademischer Alpen-Club Zürich
AACZ / 22. Oct. 2013 (ab)
info@aacz.ch