| AACZ - Expedition Aksay 1998 |
Nach der Pamir-Expedition des AACZ wollten Klaus und ich unseren Aufenthalt am anderen Ende der Welt geruhsam ausklingen lassen. So beschlossen wir, auf den Spuren der Zentralasien-Forscher Albert von Le Coq und Albert Grünwedel ein Stück der Seidenstrasse zu bereisen. Wir hielten uns im wesentlichen an ihre Route von Urumqi über Turfan und Hami nach Dunhuang, was einem der nördlichen Äste der Seidenstrasse entspricht. Bereits unsere Anreise aus Kirgisien über den Torugart-Pass entsprach ja einem Zweig dieser historischen Handelsroute. Mit der Karavanserai Tash Rabat im Tien Shan hatten wir bereits einen bedeutenden Überrest kennengelernt.
Wie ein breiter Keil versperrt die Wüste Taklamakan den direkten Weg von China nach Westen und zwang die Karawanen, nach Norden oder Süden auszuweichen. Von Dunhuang, dem Zentrum am östlichen Ende dieser grössten Sandwüste östlich von Arabien, ging die Route zum Oasen-Königreich Loulan (dem heutigen Atomtestgelände Lop Nor) und dann entweder südlich am Rand des Kunlun-Gebirges oder auf der Nordroute am Fuss des Tien Shan weiter nach Kashgar, wo die beiden Karawanenwege am westlichen Ende der Wüste wieder aufeinander trafen. Als zu Beginn der Tang-Dynastie (700 n.Chr.) Loulan wegen Wassermangel untergegangen war, entstand ein weiter nordöstlich verlaufender Weg über Hami und Turfan, um von den Quellen des Tien Shan zu profitieren. Auch heute noch stellt diese Route die Hauptverbindungslinie der Westprovinz Xinjiang ins sowohl geographisch als auch kulturell ferne Peking dar.
Bewaffnet mit drei bis vier Wörtern Chinesisch, einem Reiseführer, mit leichtem Gepäck und vor allem ohne Zelt, Pickel und Seil stiegen wir in den Mietwagen und nahmen unsere erste Etappe zur Senke von Turfan in Angriff. Beeindruckend waren die unendlich langen Geraden, in denen die Strasse vorbei an den Ausläufern des Tien Shan fast unmerklich die rund 1000 Höhenmeter hinab führte. Die flimmernde Hitze der Geröllwüste und das verzerrte Bild der Luftspiegelungen vermischten sich mit dem monotonen Rollen des Wagens. Im Hintergrund konnte man die letzten Schneeberge des Bogda Shan vermuten. Waren es Minuten - Stunden? Nur an den Kilometersteinen, die so nah aussahen und doch so lange brauchten, bis sie vorbeizogen, konnte man erkennen, dass die 4000 km bis Peking langsam schmolzen.
Mit vereinzeltem Grün, ein paar Häusern, den ersten Pappeln mehrten sich die Anzeichen der nahen Oase, dann tauchten merkwürdige Erdhügel auf, ähnlich einer Kolonie von Riesenmaulwurfshaufen, die sich später als die sichtbaren Spuren eines unterirdischen Wasserleitungssystems herausstellten. Schliesslich sahen wir die Stadt selbst, eingebettet in riesige Rebgärten. Turfan im Tarimbecken, die Stadt in der Nähe des zweittiefsten Punktes der Erde (-154 m), wird geprägt durch ein extrem kontinentales Klima von weit über 40°C im Sommer bis unter -20°C im Winter. Nur die Trockenheit der Luft sowie ausgedehnte, schattenspendende Weinlauben, die zum Teil auch die Strassen überspannen, machen die Hitze halbwegs erträglich. Trotzdem konnten wir niemals auf die mittägliche Siesta im klimatisierten Hotel verzichten.
Als erstes stand ein Besuch bei Ötzis Zeitgenossen im städtischen Museum auf dem Programm. Die Trockenheit hatte die Leichname von Astana, einer nahen Gräberstadt, ähnlich gut mumifiziert und über 1700 Jahre konserviert wie Sonne und Gletscher den Mann vom Similaun. Die Art und Weise allerdings, wie die drei Mumien in unklimatisierten Glaskästen auf einer Art Baustelle herumlagen, liess bei Klaus, dem Museumsmann, doch einiges Befremden aufkommen. Nächster Punkt war die ausserhalb der Stadt gelegene Moschee mit dem Emin-Minarett, das um 1780 im afghanischen Stil aus rohen Lehmziegeln zu einem kunstvollen, fein gegliederten Turm zusammengefügt worden war. Malerisch fügt sich die Anlage zum Gesamtbild der Rebgärten und Trockenhäuser (zur Rosinenproduktion, denn die hiesigen Moslems trinken keinen Wein - nur manchmal Schnaps). Zurück in der Stadt blieb noch etwas Zeit, um den Basar zu durchstreifen. Reich war am Abend die Auswahl an Kulinarischem, von Shish Kebab über Nudeleintöpfe, Teigtaschen bis zu gebratenen Innereien. Ein Blick in den Topf am offenen Feuer und eine einladende Handbewegung des Kochs reichten aus, um am Tisch Platz zu finden. Sofort hatte man eine Schale Grüntee in der Hand, und kurz darauf konnte man unter den aufmerksamen Blicken der Tischnachbarn die dicke Suppe in sich hineinschlürfen. Über den Preis herrschte schnell Einigkeit, und nach einer "Es-war-vorzüglich"-Geste konnte man sich zum nächsten Stand aufmachen, um einen zweiten Gang in Angriff zu nehmen. Diese unkomplizierte Offenheit und Freundlichkeit wird mir wohl noch lange in Erinnerung bleiben.
Am nächsten Tag führte uns eine Rundfahrt zu den buddhistischen Grotten von Bezeklik. Die eindrucksvolle Lage an den Steilwänden des grünen Murtuq-Tals mit den Schneegipfeln des Bogda Shan im Hintergrund liess den schlechten Zustand der Ausstattung vergessen. Westliche Archäologen wie Grünwedel und LeCoq hatten ganze Arbeit geleistet und mit erstaunlicher Konsequenz sämtliche Figuren, denen nicht von fanatischen Moslems die Augen herausgekratzt worden waren, in europäische Museen abtransportiert. Nach diesem traurigen Zeugnis von europäischem Kolonialismus und religiöser Ignoranz ging es weiter zu den Ruinenstädten von Gaochang und Jiaohe. Durch das Fehlen jeglichen Regens haben sich die bis zu drei Stockwerke umfassenden Lehmbauten erstaunlich gut über mehr als 1000 Jahre erhalten. Einzig die Winderosion hat das ihre dazu beigetragen, dass die Unterscheidung, welche Gebäudeteile aufgemauert und welche aus dem Boden herausgegraben waren, meist nicht mehr möglich war. Zu stark waren die Lehmziegel zu einem Gefüge verfestigt und durch Sand und Wind zu bizarren Formen geschliffen worden. Nachdem der Fussweg nach Jiaohe wegen einer Baustelle über die für Bustouristen zumutbaren fünf Minuten (bei 40° Hitze) deutlich hinausging, hatten wir die Stadt nahezu für uns allein und konnten die Abendstimmung geniessen. Eindrucksvoll war die grosse Ausdehnung, wenn man durch die Hauptstrasse entlang der Wohnungs- und Verwaltungsviertel bis zum zentralen Tempel spazierte.
Zum Abschluss unserer Besichtigungsrunde durch Turfan durfte selbstverständlich das "Grape Valley" nicht fehlen. Anmutig liegt dieses Tal als grüne Oase inmitten unwirtlicher Wüstenei. Unter einem Meer von Weinreben verbirgt sich allerdings ein Touristenzentrum, in dem es von Andenkenständen, Getränkebuden und Rosinenverkäufern wimmelt. An einem schattigen Quellteich die kernlosen Trauben zu geniessen, war allerdings ein paradiesisches Vergnügen, das uns die touristische Vermarktung schnell vergessen liess.
Der zweite Hauptpunkt unserer Taklamakan-Halbumrundung war die Oasenstadt Dunhuang, die wir nach einer Nacht in der Bahn und einer einstündigen Autofahrt erreichten. Dies war die erste und einzige Stadt unserer Reise, in der wir mit dem chinesischen Kulturkreis in Berührung kamen und von Zentralasien Abstand gewannen. Rikschas beherrschen dort das Strassenbild. Im Süden, direkt vor der Stadt, schwingen sich Sanddünen elegant einige hundert Meter in die Höhe. Am Fuss dieser Dünenlandschaft liegt der Mondsichelsee mit seinem stillen, klaren Wasser, quasi als Kontrapunkt zur unwirtlichen Umgebung. Als Lebensquell am Wüstenrand spielte er wohl eine entscheidende Rolle für die Bedeutung der Stadt Dunhuang in der Geschichte und Mythologie dieser Region. Bei näherem Betrachten allerdings wandelt sich dieses Bild der unberührten Wüstenei: Scharen von Touristen pilgern entlang des Dünenkamms hinauf, um das Schauspiel des Sonnenuntergangs zu geniessen oder sich bei Sandsliding auf bereitgestellten Kissen oder gar bei Sandgliding (=Paragleiten) zu vergnügen. Nicht fehlen dürfen Kamele, Eisverkäufer, Imbissstände - kurzum: ein Wüstenrummelplatz.
Auf kulturellem Gebiet sind die Grotten von Mogao zweifellos die Hauptattraktion von Dunhuang. In diesem bedeutendsten Zentrum buddhistischer Kultur in China haben Mönche vom Jahr 366 bis ca. 1400 über tausend Höhlen in den weichen Sandstein gegraben. Diese wurden in kunstvoller Weise mit Malereien und Statuen ausgestaltet, die von der Trockenheit bestens konserviert sind. Sie schildern die gesamte Zeitgeschichte, das alltägliche Leben sowie religiöse Vorstellungen und Mythen über einen ununterbrochenen Zeitraum von mehr als 1000 Jahren. Das Zentrum bildet ein aus dem Berg gehauener, 30 m hoher Buddha. Auch eine gut erhaltene Bibliothek wurde gefunden. So stellen die Mogao-Grotten eine einzigartige Stätte buddhistischer Kultur dar. Eine Auswahl von ungefähr 20 Grotten konnten wir besichtigen. Auch wenn wir die englischen Erklärungen unserer Führerin nicht immer verstanden, so war doch allein die feine und abwechslungsreiche Gestaltung der dunklen Räume faszinierend.
Der Abschlussbesuch unserer Reise entlang der Seidenstrasse galt dem Wahrzeichen Chinas schlechthin: der chinesischen Mauer. Nach längeren Preisverhandlungen hatten wir einen Fahrer überzeugt, uns zu ihren letzten Ausläufern im Westen des Reiches zu bringen. Bis zum Beginn der Wüste Taklamakan reichte dieser Schutzwall gegen die Nomadenvölker in der Han-Zeit (200 v.Chr. - 200 n.Chr.). Die heute noch sichtbaren Mauerreste, etwa drei Meter hohe Wände aus Stroh und Lehm, ziehen sich als schnurgerade Linie bis zum Horizont. Es braucht einen geschulten Blick, um die Wachttürme, die die Mauer begleiten, in der hügeligen Wüste zu erkennen. Bald fielen uns die charakteristischen Stroh-Lehm-Gebilde von beachtlicher Höhe überall ins Auge. In regelmässigen Abständen gab es grössere Befestigungsanlagen wie das bis heute erhaltene Jadetor (Yumenguan) westlich von Dunhuang, das den Endpunkt des chinesischen Herrschaftsraumes markiert. Jenseits, in den wilden Bergbächen des Kunlun, fand sich die in China überaus begehrte Jade, mit der die Könige der zentralasiatischen Reiche die chinesische Seide bezahlten.
Nach einer Nachtfahrt mit dem Zug zurück nach Urumqi ging es via Almaty und Istanbul zurück in die Schweiz. Mit vielen Eindrücken der buddhistischen Kultur, der Wüstenlandschaft der Taklamakan sowie der chinesischen Geschichte war diese Reise auf den Spuren der Seidenstrasse eine perfekte Ergänzung und Abrundung der bergsteigerischen Erlebnisse der Aksay-Expedition 1998.
Guntram Koller
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Akademischer Alpen-Club Zürich
AACZ / 15. Apr. 2005 (ab) info@aacz.ch |