AACZ - Expedition Aksay 1998
 

Sartax - das Matterhorn des Aksay

Zwei Erkundungen und ein Besteigungsversuch

Der Sartax (gesprochen Sartasch, kirgisisch für Gelber Stein) bildet mit seinem schroffen, entfernt ans Matterhorn erinnernden Gipfelaufbau den Blickfang der Aksay-Kette. Deshalb stand er weit oben auf unserer Wunschliste, obwohl er mit 5847 m die "magische" Linie der Sechstausend verfehlt. Wie beim Nachbargipfel Kartax ragen aus dem splittrigen Sediment des Grundgebirges massive Felswände aus Marmor auf, die im Sonnenlicht gelblich schimmern, aber bei der allgemein brüchigen Gesteinsbeschaffenheit der Region für den Aufstieg nichts Gutes verheissen. Mehr Erfolg versprechen die Gletschertäler, die beidseits des Gipfels vom Hauptkamm der Kette nach Süden abfliessen.

Bereits am Tag nach der Ankunft hatten Guntram und Michael eine Erkundung gestartet, bei der sie auf dem nächst dem Basislager ansetzenden Rücken in Richtung Südgrat aufstiegen. Problemlos erreichten sie eine Höhe von 5250 m, was zwar der Kondition der beiden ein gutes Zeugnis ausstellte, aber das Ergebnis brachte, dass dieser Weg kaum zum Erfolg führen würde. Der Südgrat, das wussten wir seit der Rekognoszierung im Vorjahr, erstreckt sich mit mehreren Felstürmen fast horizontal über 2 km Länge - zu weit für unsere alpine Hit-and-run-Taktik, denn an eine Überschreitung mit schwerem Gepäck in steilem Fels war nicht zu denken. Und die Querung ins westliche Gletschertal, um über den NW-Grat aufzusteigen, wäre ebenfalls zu lang geworden. Was blieb, war die Ostseite. Die Flanken des östlichen Tales allerdings erinnern in ihrer Konsistenz an die Kohlehalden des Ruhrgebietes. Wie um letzte Hoffnungen auf eine Querung zu zerstreuen, brechen sie in felsigen Rippen und Runsen haltlos in die Schlucht des Talgrundes ab.

Walter und ich, die wir uns als weniger robuste Zeitgenossen nach dem Erfolg am Kaltasel eine Pause gönnten, wollten eine Möglichkeit der Annäherung finden, während die anderen den Kuxbulak erstiegen bzw. sich am Aylanix versuchten. Wir sahen als einzig verbleibende Möglichkeit den reichlich verwegenen Aufstieg im Grunde der Schlucht. Unsere Erkundung des vielfach gewundenen, nie weiter als 50 m zu überblickenden Bachbettes verlangte neben einer guten Moral (ob der abrutschbereiten Fels- und Schuttflanken über uns) auch ein gutes Dutzend Bachüberquerungen. Nach der Überwindung eines Riegels aus hausgrossen, leuchtend gelben Felsblöcken standen wir unter der Gletscherzunge, von der pausenlos kopfgrosse Brocken buchstäblich bis vor unsere Füsse polterten. Doch rechts von dieser Scylla war unter der Charybdis der östlichen Schuttflanke der Weg hinauf zum flachen Gletscher frei. Dort erkannten wir den weiteren Aufstieg als gangbar und deponierten Seil und Pickel für die Gipfelmannschaft.

Während ich am Tag darauf mit Monika im Basislager blieb, stieg Walter mit dem erfolgreichen Team vom Kuxbulak, Charlotte, Muchi und Guntram, noch einmal auf. In der Nacht war die Moränenlandschaft eingeschneit worden, und erst nach umfassender Konsultation per Funk gelang es Walti, das Depot wiederzufinden. Dichte Schneeschauer erschwerten auf dem Gletscher die Suche nach einem ebenen Lagerplatz, der schliesslich auf 4970 m gefunden wurde. Das Hochlager bestand aus nur einem Zelt, denn Charlotte und Guntram hatten zwecks Gewichtsersparnis beschlossen, im Freien zu biwakieren.

Wenig oberhalb des Lagers begannen im tiefen Neuschnee die Anforderungen zu wachsen. Teilweise oberschenkeltiefe Spurarbeit führte an den Fuss einer überraschend steilen und zerklüfteten Flanke, die Charlotte an die Aletschhorn-Nordwand erinnerte. So war man sich schnell einig, eine breite Rinne rechts davon zu begehen, die allerdings von einem Felsriegel abgeschlossen wurde. Der Weg zum Gipfel würde dann über den Nordwestgrat führen. Aber auch die Rinne erforderte beachtliche Wühlerei, nur um an besagtem Felsen dessen katastrophale Brüchigkeit festzustellen. Ein Versuch, dennoch über ihn zum Grat zu gelangen, scheiterte an fehlenden Sicherungsmöglichkeiten. Die Umgehung links davon, die von unten machbar schien, erwies sich als 60° steiles, von dünnem Blankeis überzogenes Couloir. Mit dem vorhandenen Material konnte es nicht bewältigt werden, war doch auch ein Teil der Eisausrüstung im Tal geblieben, da man solche Schwierigkeiten nicht erwartet hatte. Der Trupp stieg also wieder ab zum Fuss der Steilflanke, um dort den Aufstieg zu erwägen. Zu fortgerückter Stunde musste man aber angesichts der Schneemengen von einem weiteren Versuch absehen und beschloss den Rückzug.

Beim Abstieg zum Basislager tauchte an der Endmoräne Edgar auf, der sich den Canyon angesehen hatte, und nahm der geschlauchten Partie einen wuchtigen Teil der Ausrüstung ab. Mit dem Erscheinen von Monika und Noldi in der Schlucht drohte nun der Massentourismus überhand zu nehmen, so dass wir von weiteren Versuchen an diesem Berg Abstand nahmen.

Klaus Minges, Charlotte Steinmeier


AACZ   Akademischer Alpen-Club Zürich
AACZ / 15. Apr. 2005 (ab)
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