AACZ - Expedition Aksay 1998
 

"We Happened to Climb the Highest Peak" - Budunseltau 1997

Budunseltau 6220 m;39°07' Nord, 74°41' Ost. Besteigung am 17. Juli 1997
Teilnehmer: Michael Altorfer, Klaus Minges, Edgar Schuler.

Nachdem wir uns auf der Erkundungstour während rund einer Woche auf 4000 m akklimatisiert hatten, fühlen wir uns gut genug, um als "Vorläufer" der eigentlichen Expedition eine Gipfelbesteigung zu wagen. Der Budunseltau drängt sich als erstes Ziel aus verschiedenen Gründen auf: Eine offenbar leichte Aufstiegsroute führt über den Südwestrücken, der direkt zum Gipfel führt, die leicht vorgelagerte Position ermöglicht einen guten Einblick in die gesamte Bergkette zwischen Budunseltau und Aksaybax, und der Budunseltau ist der höchste Berg in dieser Region.

Wir haben aus diesen Gründen auf einer der Vorbereitungstouren auch bereits einen möglichen Biwakplatz ausgemacht. Ohne grosse Ambitionen und auf gut Glück ziehen wir los - mal sehen, ob es klappt. Zumindest an Essen wird es uns nicht mangeln. Unsere Rucksäcke sind vollgestopft mit Proviant, und wenn wir den Gipfel nicht erreichen sollten, dann sicher, weil unser Gepäck zu schwer ist.

Wir kommen gut voran und stapfen im weichen, aber trittfesten Schutt einen der rundlichen, langgezogenen Rücken empor. Die zahlreichen Rippen vereinigen sich nach und nach, je näher wir zum Gipfel vorrücken, bis am Schluss nur noch der Hauptrücken zum Gipfel führt. Kurz vor dem geplanten Biwakplatz erreichen wir erste Schneefelder. Ein weiterer Kraftakt im weichen Schneehang, der wegen der Eisunterlage nur mit Steigeisen begehbar ist, und wir erreichen unser Tagesziel, einen ebenen Platz am Fusse des Gletschers. Alle haben wir denselben Wunsch: Nur weg mit dem Rucksack!

Damit wir unser Zelt auf einer einigermassen ebenen Grundlage errichten können, planieren wir ein paar Quadratmeter mit Hilfe unserer Pickel und der Schneeschaufel. Kein leichtes Unterfangen bei akutem Sauerstoffmangel, aber das Resultat lässt sich sehen. Ein weiterer Bilderbuchtag geht zu Ende, und morgen werden wir den höchsten Gipfel in Angriff nehmen. Was für eine Show, wenn es uns gelingen würde, den Gipfel zu erreichen (oder würden uns die anderen Expeditionsmitglieder dieses Vorpreschen übelnehmen?).

Bereits um fünf Uhr morgens sind wir unterwegs. Nach wenigen Metern erreichen wir den Gipfelgletscher. Der Aufstieg ist technisch sehr einfach, die Bedingungen sind ideal: Kaum Wind, klare Sicht, wenig Sonne zu dieser Zeit. Der Schnee ist hart und trägt, aber Edgar und ich seilen uns trotzdem an. Wir kommen gut voran, und der Weg ist offensichtlich. Die Aussicht ist herrlich, zum ersten Mal auch in Richtung Nordost. Chakragil und Kongur sind gut sichtbar, ebenso die Schanze des Mustagh-Ata; alles Berge, die den Budunseltau noch überragen. Doch sie sind in weiter Ferne, hier in der Region gibt es nichts, das die Sicht beeinträchtigt. Wir wandern über einem Meer von Gletscherplateaus, Spalten, Schneefeldern, und überall fallen die Wände steil nach Norden ab. Der Budunseltau scheint eine geologische Grenze darzustellen. Im Westen erheben sich scharfkantige Berge, im Osten sind es langgezogene Rücken, nicht weniger hoch und vereist, aber sanfter und weniger bedrohlich. Der Rücken führt uns tatsächlich zum Gipfel. Aber der Schein trügt. Der Rücken wird immer flacher, und zum Gipfel ist es noch weit. Welches ist überhaupt der Gipfel? Meine Kräfte lassen bedenklich nach. Seit wir eine Höhe von etwa 5800 Meter erreicht haben, fühle ich mich schwach. Mein hoher Puls steht im krassen Gegensatz zu meiner unendlich langsamen Gangart. Wäre da nicht Edgar, der unermüdlich vorwärts stapft, ich hätte mich wohl längst für den Rest der Tour in den Schnee gesetzt. Auch Klaus hatte seine schwachen Minuten, doch seit der Gipfel in Griffnähe gerückt ist, sind seine Kräfte zurückgekehrt, und er scheint spielend voranzukommen. Dann haben wir es geschafft. Wir sind auf dem höchsten Punkt. Der Höhenmesser will zwar nicht bestätigen, dass es 6220 m sind, aber wen kümmert das schon. Edgar und ich überprüfen, ob einer der Nebengipfel höher ist. Nichts da, alles niedriger. Hey, wir haben es geschafft! Natürlich lassen wir es uns nicht nehmen, die herrliche Aussicht von Kongur bis Aksaybax zu geniessen - auch wenn wir auf dem Rückweg für dieses Verweilen büssen müssen, denn der Schnee ist mittlerweile weich geworden. Knie- bis hüfttief sinken wir beim Abstieg ein und pflügen uns in sengender Sonne durch den Schnee. Auch Klaus will nun in die Seilschaft aufgenommen werden, denn im weichen Schnee sind die Gletscherspalten doch nicht zu verachten. Der Aufstieg war so schön, und jetzt diese Kämpferei! Das nächste Mal werden wir mit Schneeschuhen wiederkommen. Mit letzter Kraft erreichen wir den Gletscherrand und unser Biwak, werfen den Rucksack weg und verschwinden im Zelt. Es dauert über eine Stunde, bis einer von uns wieder ein Lebenszeichen von sich gibt. Wasser! Nach weiteren 15 Minuten kann ich mich überwinden, im nahegelegenen Bächlein Wasser zu holen. Kaum zurück, schlafe ich wieder ein. Der Kopf von Klaus ist doppelt so dick wie normal, seine Kopfschmerzen scheinen kaum erträglich. Doch wir wollen und müssen den Abstieg ins Basislager unter die Füsse nehmen.

Klaus hat beim Weiterweg den besseren Riecher. Er bleibt nahe der Aufstiegsroute und erreicht so in weniger als zwei Stunden die Hochebene. Edgar und ich versuchen eine Abkürzung und landen prompt in der einzigen steinigen Schlucht weit und breit. Wir folgen dem Bachbett und stehen unvermittelt vor einem Wasserfall. Mit etwas Glück gelingt es uns, durch leichte Kletterei dem Felsabsturz auszuweichen und in das kühle und schattige Tal abzusteigen. Durch eine enge Schlucht erreichen wir die Ebene und sind kurz darauf zurück im Basislager, nicht zuletzt um unserem Verbindungsoffizier Mr. Arslan von der Erstbesteigung des Budunseltau zu berichten. Seine Begeisterung über unser illegales Treiben hält sich verständlicherweise in Grenzen, da wir ihn vorher nicht ins Vertrauen gezogen hatten. Dennoch erklärt er sich bereit, bei der fälligen Gipfelgebühr nur den Minimal-Ansatz zu berechnen, was wir sehr zu schätzen wissen.

Michael Altorfer


AACZ   Akademischer Alpen-Club Zürich
AACZ / 15. Apr. 2005 (ab)
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