George Finch − AACZ-Präsident und Pionier am Everest
 

Englische Luft

Autor: Edgar Schuler

Im Trubel um das 50-Jahr-Jubiläum der Erstbesteigung des Mount Everest ist ein zweites Everest-Jubiläum fast unbemerkt vorübergegangen: Vor 25 Jahren erreichten Reinhold Messner und Peter Habeler den höchsten Gipfel der Erde als erste ohne künstlich zugeführten Sauerstoff. Die beiden bewiesen damit, dass dies überhaupt möglich ist. Sie erweckten auch eine Kontroverse wieder zum Leben, die so alt ist wie die lange Geschichte der Versuche am Everest selber. Mit ihrer Parforceleistung hatten Messner und Habeler das Dogma umgestossen, dass es nicht möglich sei, Gipfel über 8500 Meter ohne Sauerstoff-Apparate zu erreichen. Dieses Dogma mitbegründet hatte ein heute fast vergessener britischer Alpinist. Das Everest-Doppeljubiläum ist eine hervorragende Gelegenheit, sich an ihn zu erinnern.

Geoffrey Bruce und George Finch bei der Rückkehr von ihrem Aufstieg auf 8326 Meter am Mount Everest. (Bild aus "The Assault on Mount Everest 1922)

George Ingle Finch ist − im Gegensatz zu seinem Mitstreiter und Konkurrenten George Leigh-Mallory − weitgehend vergessen gegangen. Dabei galten unter ihren Zeitgenossen beide Alpinisten als ebenbürtig. Mallory war ein bekannter Felskletterer. Finch, der einen Teil seiner Jugend in der Schweiz verbracht und es dort zum AACZ-Präsidenten gebracht hatte, war eine Kapazität im Eis. In der Sauerstoff"=Frage aber, die bei den britischen Versuchen am Everest in den 1920er-Jahren zentral war, entpuppte sich Finch als Gegenspieler Mallorys. Dem feinsinnigen Idealisten Mallory war die Zuhilfenahme der Technik ein Gräuel, nicht zuletzt weil er im Umgang damit unbeholfen war. Finch dagegen verfocht als Naturwissenschafter und Pragmatiker vehement die Vorteile des Sauerstoff-Apparats.

Mallory war dann aber ehrgeizig genug, sich den Erkenntnissen Finchs zu beugen. Er und Andrew Irvine trugen von Finch mitentwickelte Sauerstoffzylinder auf dem Rücken, als sie am 8. Juni 1924 am Gipfelgrat im Nebel verschwanden und zu den unvergessenen tragischen Helden der Everest-Saga wurden. Finch aber, der sich lange nicht so recht in den britischen Alpinismus einfügen konnte oder wollte, war vom Wettkampf um die Erstbesteigung ausgeschlossen. Dafür focht er weiterhin eine lange, oft einsame Kampagne für die Verwendung von Sauerstoff am Everest. Sein Einsatz in der Kontroverse trug ihm nichts ein ausser dem Ruf, ein wahrhaft Besessener zu sein − und die späte Befriedigung, zum Erfolg beigetragen zu haben. Als Edmund Hillary und Tenzing Norgay am 8. Mai 1953 auf dem Gipfel standen, verdankten sie den Erfolg nicht nur, aber auch dem mitgebrachten Sauerstoff.

Finchs Interesse für den Sauerstoffgebrauch am Everest wird verständlich, wenn man sich neben seiner alpinistischen auch seine akademische Karriere vor Augen hält. Anders als der romantisch veranlagte, überall ausser am Berg unbeholfene Mallory war George Finch durch und durch Naturwissenschaftler und zielstrebiger Techniker. 1888 als Sohn weitgereister Eltern in Australien geboren, wuchs er zum Teil in Europa auf. In Paris wollte er sich an der École de Medicine zum Arzt ausbilden lassen. Physik und Chemie interessierten ihn aber weit brennender, weshalb er nach Zürich weiter reiste und sich an der ETH Zürich als Student einschrieb. Sein Studium schloss er mit Auszeichnung ab, und 1911 wurde er Assistent am chemisch-physikalischen Lehrstuhl von Georg Bredig. Seine Arbeit über die Ammoniak-Synthese brachte Finch die Aufmerksamkeit der Badischen Anilin- und Sodafabrik ein. Er arbeitete kurz für die BASF und studierte noch kurz in Genf, bevor er 1912 nach England zog. Dort bekleidete er am Royal Arsenal und schliesslich am Imperial College in London Assistenzstellen in der Forschung. Die akademische Karriere war vorgezeichnet.

An Wochenenden und in den Semesterferien aber war Finch ein leidenschaftlicher Alpinist. Die Leidenschaft reichte in die Kindheit zurück: In "The Making of a Mountaineer" beschreibt Finch, wie er und sein Bruder Maxwell durch Whympers "Scrambles Amongst the Alps" animiert worden waren, im heimatlichen New South Wales steile Klippen zu erklettern. In Paris verwehrte ihnen ein Prälat die Besteigung der Kathedrale Notre Dame über eine "unorthodoxe Route". Nur der Umstand, dass der Priester nicht ganz ohne Humor war, verhinderte, dass das Abenteuer in einer Gefängniszelle ein böses Ende nahm. In der Schweiz aber fanden die Brüder ein prächtiges Betätigungsfeld. Dort gab es auch einen reichlich verwegenen Haufen von Gleichgesinnten, die als Mitglieder des Akademischen Alpen-Clubs dem "führerlosen Bergsteigen" frönten. George wurde 1909 Mitglied und lieferte für den Jahresbericht gleich eines der umfangreichsten Tourenverzeichnisse ab. Er zählte zu den stärksten Kletterern in einem Club mit damals ohnehin lauter starken Alpinisten, die alle begierig waren, unbegangene Routen zu stürmen. Ein Freund hob Finchs hervorragendes Auge für die richtige Route hervor, die Fähigkeit, aus der Form des Gipfels und der Geologie den richtigen Weg abzuleiten. Im Fels beeindruckte die Schnelligkeit seiner Bewegungen. Er kletterte nicht elegant, aber selbstsicher und zielstrebig. Am beeindruckendsten waren seine Fähigkeiten im Eis. Er beherrschte die Kunst, Stufen zu schlagen, wie kein zweiter. Den Pickel effizient zu führen war in dieser Zeit ungemein wichtig: Die Steigeisen hatten keine Frontzacken, und Eishaken oder gar Eisschrauben waren noch gänzlich unbekannt. Der Erfolg einer Eistour hing davon ab, die Linie des geringsten Widerstands im Abhang zu finden und sich auf ihr unermüdlich hochzupickeln.

Georges jüngerer Bruder und häufiger Seilpartner Maxwell wurde für nicht weniger fähig gehalten. Aber "Max" war draufgängerischer. Ihm ging die sichere Einschätzung der Risiken ab, die George auszeichnete. Jedenfalls war Maxwell der Anführer jenes Trüppchens von "zwanzigjährigen Trotzköpfen" mit zwei Kandidaten des AACZ, die am 12. März 1911 zu einer verhängnisvollen Tour auf den Tödi aufbrachen. Nur wenige Wochen nach der Ski-Erstbesteigung wollten sie das Kunststück wiederholen. Von der Fridolinshütte brachen die Studenten erst kurz vor Mittag auf. Als sie um Mitternacht auf dem Gipfel standen, zog ein Sturm auf. Beim Abstieg mussten die vier biwakieren. Einer der beiden Anfänger am Berg, Hans Morgenthaler, fror sich dabei die vordersten Glieder fast aller Finger ab.

Für den schweren Vorfall wurde Maxwell im Club heftig gerügt. Seine Spur verlor sich dann im AACZ. George aber genoss das Vertrauen des AACZ, der ihn 1911 zum Präsidenten machte. Den präsidialen Pflichten scheint er dann aber nicht sehr zuverlässig nachgekommen zu sein. Jedenfalls vermerkt der Jahresbericht 1911 säuerlich, die "Herbstinspektion der Windgällenhütte, die der derz. Präsident des Clubs, G. Finch, auszuführen versprochen hatte" sei "dank seiner Nachlässigkeit" unterblieben, "wie so manche andere Arbeit, die ihm zugekommen wäre".

Statt Hütten zu inspizieren, bestieg der junge Brite eben lieber Gipfel. Unter seinen zahllosen Touren sticht etwa die Erstbegehung der Castor Nordwand von 1909 hervor. 1911 bestieg er als weitere Erstbegehung zusammen mit Maxwell die Süd-Südwest-Rippe der Aiguille du Midi. Auch nach seiner Übersiedlung nach England 1912 blieb er den Schweizer und namentlich den Glarner Alpen treu. 1913 folgte die Erstbegehung des Bifertenstocks über den Westgrat, über eine Linie, die heute noch als "Finch-Route" im SAC-Führer beschrieben ist. Der erste Weltkrieg machte dann das Bergsteigen in den Alpen unmöglich. Finch war in Frankreich, Ägypten und Mazedonien im Einsatz.

Finchs alpinistische Leistungen waren auch nach vier langen Kriegsjahren nicht vergessen. Er war zwarnoch nicht einmal Mitglied des Alpine Club, gehörte aber zu den damals noch seltenen britischen Gentleman-Alpinisten, die sich nicht an die Seile einheimischer Bergführer hängten. Finch hatte seine bemerkenswerten Touren "führerlos", in eigener Verantwortung unternommen. Das brachte ihm die Aufmerksamkeit von John Percy Farrar ein, dem Präsidenten des aristokratischen britischen Alpine Club, wo man den "Führerlosen" skeptisch gegenüberstand. Farrar war vom Asienforscher und Offizier Sir Francis Younghusband zur Beteiligung an einer Expedition zum Everest aufgefordert worden. Die "Eroberung" dieses damals noch kaum erforschten "dritten Pols" hatten die Briten zum Ziel ihres Abenteuersinns gemacht, nachdem ihnen die Amerikaner den Nord- und Amundsen den Südpol vor der Nase weggeschnappt hatten. Farrar versprach Younghusband nicht nur organisatorische und finanzielle Hilfe, sondern auch "zwei, drei junge Bergsteiger".

Neben Mallory, der sich durch seine Leistungen in den Alpen als starker Felskletterer empfohlen hatte, stand der als exzellenter "Eismann" bekannte George Finch zuoberst auf der Liste der Alpinisten, die für die Expedition vorgesehen waren. Als sich die Teilnehmer im Frühling 1921 nach Indien einschifften, war Finch dann aber nicht dabei. Die Expeditionsärzte hatten seine Teilnahme abgelehnt. Ihnen sei aus medizinischen Gründen nichts anderes übrig geblieben, lautete die von manchen angezweifelte Begründung. Ob Finch tatsächlich wegen einer Malaria-Erkrankung während des Krieges oder aus anderen, undurchsichtigen Gründen nicht dabei sein durfte, ist nicht klar. Jedenfalls hatte Finch trotz des negativen Ärtzeentscheids in diesem Sommer eine "bemerkenswerte Saison" in den Alpen. Unter anderem wiederholte er die Eccles-Route am Mont Blanc vom Frêney Gletscher. Ob er von der Rückweisung durch die Ärzte enttäuscht war, scheint Finch nie öffentlich diskutiert zu haben. Gut möglich, dass die harsche Absage neben anderen Ereignissen dieses Jahres nicht das bedeutendste war: 1921 heiratete der 33-jährige die Schottin Agnes Isobel Johnston.

Im Jahr darauf lautete der Auftrag des Everest"=Komitees "selbstverständlich", einen "Angriff" auf den Everest zu unternehmen und den Gipfel zu erreichen. Die Rekognoszierungs-Expedition hatte an der tibetischen Nordflanke des Berges eine Aufstiegsroute ausgemacht, die gangbar schien. Diesmal hatten die Ärzte nichts gegen Finchs Teilnahme einzuwenden.

Im Zuge der systematischen Vorbereitungen auf die Expedition war Finch nach Oxford gereist, um in einer Unterdruckkammer der Universität die Primus"=Kocher zu testen. Deren Funktionstüchtigkeit in grossen Höhen war nämlich fraglich. Für die Versuche begab sich Finch mit den Kochern für zwei Stunden in den Stahltank. Um unter stark reduziertem Luftdruck zu überleben, atmete er Sauerstoff aus einem Gummischlauch. "Was mich dabei am meisten in Erstaunen setzte", schrieb er, "war die Tatsache, dass ich, dank dem Sauerstoff, den ich zum Atmen hatte, fast unter keinerlei Unbehagen litt". Obwohl nicht geplant war, auf den Everest Sauerstoffgeräte mitzunehmen, liess sich Finch unter Anleitung von Oxford-Medizinern auf weitere Versuche ein. Er setzte sich dabei künstlich erzeugtem Unterdruck bis zu einer "Höhe" von 9100 Meter aus. In ihm reifte die Erkenntnis, "dass kein Mensch ohne Anwendung künstlicher Sauerstoffatmung lebend bis zum Gipfel des Everest würde vordringen können". Die Versuche hatten ihn so überzeugt, dass er sie als "Bekehrung" zur Sauerstoffverwendung beschrieb.

Finch war nicht der erste, der sich über die Verwendung von Sauerstoff beim Bergsteigen in grossen Höhen Gedanken gemacht hatte. Während der Rekognoszierungs-Expedition 1921 war der schottische Chemiker Alexander M. Kellas dem Problem nachgegangen. Auf Höhen zwischen 5500 und 5800 Metern stellte Kellas Experimente mit Stahlzylindern an. Die Apparate waren derart schwer, dass ein Kletterer für jedes mitgeführte Kilogramm Sauerstoff rund 50 Kilo Metall mitführen musste. Kellas stellte anderseits auch Berechnungen über die notwendige Höhenakklimatisation, den Sauerstoffpartialdruck auf dem Everest-Gipfel und die maximale Steiggeschwindgkeit an. Seine Ergebnisse liegen laut dem Urteil heutiger Höhenmediziner erstaunlich nahe bei den heute bekannten Zahlen. Entsprechend kam Kellas auch zum Schluss, dass es trainierten und optimal akklimatisierten Alpinisten möglich sein sollte, den Everest ohne supplementären Sauerstoff zu erreichen. Angesichts des hohen Gewichts der Sauerstoff-Apparaturen riet Kellas davon ab, diesen Weg weiterzuverfolgen. Er war nicht mehr in der Lage, seinen Standpunkt bei der Vorbereitung der Expedition von 1922 einzubringen, weil er noch auf der Expedition − vermutlich an einer Durchfallerkrankung − verstorben war.

Mit dem Eifer eines Bekehrten setzte sich aber Finch beim skeptischen Everest"=Komitee für das Mitführen von Sauerstoff ein. Im Komitee und unter den vorgesehenen Teilnehmern gab es "sehr grosse Meinungsverschiedenheiten" um die Sauerstoff"=Frage. Dabei bezweifelte im Grunde niemand, dass zusätzlicher Sauerstoff die Besteigung wesentlich erleichtern würde. Die alpinistischen Schwierigkeiten auf der Route über den Nordsattel wurden als gering eingeschätzt, allein die dünne Luft mache das Erreichen des Ziels so schwierig. Younghusband fasste die Haltung in die knappe Formel: "Provide the oxygen and the ascent could be made at once." Den Vorteilen des zusätzlichen Sauerstoffs standen aber das Gewicht und die Unzuverlässigkeit der Apparate gegenüber. In den Augen der Kritiker mussten diese Nachteile die Vorteile zunichte machen. Ausserdem wurde befürchtet, dass ein Ausfall eines Gerätes zum plötzlichen Kollaps führen müsste. Vor allem aber war es manche Briten eine ethische Frage, ob der Berg mit diesem künstlichen Hilfsmittel "bezwungen" werden solle. Für sie war die Zuhilfenahme von Sauerstoffzylindern schlicht "unehrlich, unsportlich und unbritisch".

Für derartige Argumente hatte der Pragmatiker Finch keinerlei Verständnis. Schliesslich, ereiferte er sich, habe kein Alpinist Skrupel, seine Augen mit Sonnenbrillen zu schützen und den "übermüdeten Körper mit Kaffee aufzupulvern". Wenn es der Wissenschaft gelänge, schrieb Finch, "Sauerstoff in Tablettenform herzustellen, käme kein Mensch auf die Idee, gegen ihren Gebrauch bei der Ersteigung des Everest so schweres Geschütz aufzufahren". Der Pragmatismus, den Finch als Alpinist und als Wissenschafter an den Tag legte, war ihm auch hier die Leitschnur. Davon liess er sich nicht abbringen.

Schliesslich gab das Komitee Finchs Drängen nach und genehmigte die versuchsweise Mitnahme von Sauerstoffapparaturen. Finch besorgte sich dünnwandige Sauerstoffbehälter aus Stahl, wie sie die britische Luftwaffe Ende des ersten Weltkrieges in ihren Flugzeugen eingesetzt hatte. Er selber entwarf auch ein System aus Schläuchen und Ventilen, die notwendigen Masken und ein Traggestell. Obwohl er sich bemühte, das Gewicht tief zu halten und obwohl für die übrigen Metallteile leichtes Duraluminium verwendet wurde, war der Apparat inklusive Sauerstoff schliesslich etwas mehr als 16 Kilogramm schwer. Damit, befand Finch, war er für einen trainierten Alpinisten durchaus tragbar.

Wie sich zeigte, war die Skepsis gegenüber dem Sauerstoff damit nicht ausgeräumt. Finch fand sich schliesslich unter den Alpinisten auf der Expedition als einziger Sauerstoffbefürworter wieder. Dass niemand sich von Finch hatte dazu bekehren lassen, was er − ohne Ironie − den "wahren Glauben" nannte, zeigte sich schon auf der Anreise im Frühling 1922. Auf dem Treck durch Indien in Richtung Tibet stellte sich heraus, dass die Sauerstoffzylinder nicht sachgerecht verpackt worden waren. Der Mangel ist bemerkenswert, weil er so ganz im Gegensatz stand zu der organisatorischen Sorgfalt, die sonst in der von Brigadegeneral Charles G. Bruce militärisch geführten Expedition an den Tag gelegt wurde. Finch stellte fest, dass die Stahlzylinder sich aneinander rieben und dadurch schon gehörig in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Mit Schnüren und Lumpen improvisierte Finch eine reibungsfreie Verpackung. Das Missvergnügen seiner Kameraden an den Sauerstoffzylindern konnte Finch auch nicht beseitigen, indem er sie jeden Abend zum Sauerstoff-Drill befahl. Wie Finch mit Sarkasmus feststellte, liesse die Begeisterung der Teilnehmer für die Übungen zu sehr wünschen übrig.

Die Abneigung gegen die Sauerstoff-Apparate nahm schliesslich Formen an, die an Obstruktion grenzten. Edward Norton war als Seilpartner Finchs vorgesehen. Er setzte sich aber über die Pläne hinweg und schloss sich Mallory an. Dieser wollte das gute Wetter nutzen und machte sich zusammen mit den übrigen Alpinisten der Expedition auf den Weg zum Gipfel − ohne die ihm suspekten Apparaturen. Damit blieb Finch als einziger erfahrener Bergsteiger im Basislager zurück. "Da sank mein Hoffnungsbarometer sehr tief," schrieb er, "aber ich liess mir die Felle nicht davon schwimmen". Kurzerhand rekrutierte er für seinen eigenen Vorstoss einen Transportoffizier der Expedition, Geoffrey Bruce. Dieser, ein Neffe des Expeditionskommandanten, hatte zwar "vom eigentlichen Bergsteigen keine Ahnung". Als "starker, zäher Mensch von ungewöhnlicher Energie" war er für Finch doch ein "idealer Gefährte". Zu Finch und Bruce gesellte sich noch der bergsteigerisch ebenfalls unbeleckte Tejbir, Unteroffizier der militärischen nepalesischen Begleittruppe der Expedition.

Dieses zusammengewürfelte Trio marschierte in ein erstes Hochlager auf etwa 6000 Metern. Dort trainierte Finch seine Begleiter im Steigeisengehen und im Gebrauch des Pickels. Dann ging es weiter ins Lager III auf 6400 Metern. Von dort aus konnten sie am Nordgrat winzige Punkte ausmachen. Es handelte sich um Mallory und seine Gefährten, die bereits zielstrebig auf den Gipfel hinarbeiteten. Finch aber hatte ein weiteres Problem zu lösen. Die zehn mitgebrachten Sauerstoffapparate hatten unter dem Transport so gelitten, dass kein einziger mehr funktionstüchtig war. Finch verwandelte das Lager in eine hochgelegene Freiluftwerkstätte. Arbeiten war nur solange möglich, wie die Sonne schien. War sie weg, drohten die Finger an den Metallteilen festzufrieren. Dennoch gelang es Finch mit seiner Improvisationsgabe, vier Apparate wieder gebrauchsfähig zu machen.

Schliesslich brachen Finch, Bruce und Tejbir − alle drei mit Sauerstoff ausgerüstet − und eine Gruppe von tibetischen Trägern in Richtung Nordsattel auf. Unterwegs begegnete ihnen Mallorys Gruppe, die auf 8200 Metern hatte umkehren müssen und sich nun auf dem Rückweg befand. Manche von Mallorys Begleitern waren so erschöpft, dass sie kaum zusammenhängend reden konnten. Der neu erreichte Höhenrekord hatte seinen Tribut gefordert.

George Finch im Basislager der britischen Everest-Expedition von 1922. (Bild aus dem "Alpine Journal")

Finch setzte nach kurzer Unterhaltung seinen Aufstieg fort. Auf dem Nordsattel angekommen stellte er fest, dass er und seine Begleiter die 600 Höhenmeter auf 7010 Meter über Meer in nur zwei Stunden hinter sich gebracht hatten. Sie waren dabei auch kaum ausser Atem gekommen − ganz im Gegensatz zu den ausgepumpten Trägern. Unter ihnen regte sich nun die Neugier. Die Tibeter liessen sich von Bruce erklären, dass Finch in den europäischen Bergen so exzellent klettere, weil ihm die "englische Luft" so gut bekäme. Die Himalaja-Luft dagegen sei nicht nach seinem Geschmack, weshalb er sich einen Vorrat dieser kräftigeren Luft mitgebracht habe…

Nach dieser Erprobungs- und Akklimatisationstour kehrte Finch wieder ins Lager III zurück, um dann am 24. Mai zum eigentlichen "Angriff" aufzubrechen. Diesmal liessen Finch, Bruce und Tejbir die tibetischen Träger vorausgehen, da sie sich sicher sein konnten, sie mit Hilfe des Sauerstoffs mühelos wieder aufzuholen. Sie genehmigten sich noch ein Frühstück, dass allerdings mager ausfiel. "Die geringen Vorräte am Nordsattellager …. schlossen jede Üppigkeit aus" vermerkte dazu Finch sarkastisch und nicht ganz frei von Bitterkeit. Auch hier hatte die militärisch organisierte Versorgung der Expedition versagt, wieder zuungunsten des Sauerstoff-Jüngers Finch.

Einmal mehr nicht willens, sich von solchen Unzulänglichkeiten abhalten zu lassen, marschierte Finch los. Auf 7770 Meter liess Finch ein neues Lager einrichten, ein Stück höher als Mallory sich niedergelassen hatte. Hier erwartete die Gipfelstürmer aber neues Ungemach: Ein Sturm zog auf. Der mörderische Wind drohte das Zelt wegzureissen, so dass sich die drei immer wieder "wie Ringkämpfer auf das sich blähende, zerrende, reissende Bodentuch" werfen mussten. Noch zu dritt hatten sie "Mühe, es zu bändigen". So verbrachten Finch, Bruce und Tejbir eine Nacht und einen ganzen Tag. Dabei gingen die Lebensmittel zur Neige, und die drei mussten sich mit Zigaretten behelfen. Finch hatte nicht damit gerechnet, solange ausharren zu müssen. Davon abgesehen hatte es eine Mehrheit der "Himalajakoryphäen" ohnehin für unmöglich gehalten, dass ein Mensch eine Nacht in dieser Höhe überleben könnte.

Am Abend gegen 6 Uhr, als sich der Sturm etwas gelegt hatte, trafen Träger vom Nordsattel her ein. Sie hatten es sich nicht nehmen lassen, nach ihren Sahibs zu sehen, und brachten heissen Tee in Thermosflaschen mit. Nur mit Mühe konnte Finch sie davon überzeugen, dass er und seine Begleiter nicht die Absicht hatten, nun mit ihnen wieder hinunter zu steigen. Die drei richteten sich für eine zweite, anstrengende Nacht ein. Alle waren bereits erschöpft. Tejbirs sonst so freundliches Gesicht schien Finch nun stumpf, und auch Bruce sah "entstellt" und "verfallen" aus. In dieser Situation kam Finch − "wie eine Eingebung des Himmels" − der Gedanke an den Sauerstoff. Die drei Bergsteiger hatten bisher die Apparate nur beim Aufstieg verwendet. Nun aber holten sie einen davon ins Zelt und nahmen von der belebenden Luft einen "Trunk". Augenblicklich spürten alle drei, wie sich ihr Zustand verbesserte. Sie reichten die Atemmaske im Kreis herum wie das Mundstück einer Wasserpfeife.

So überlebte die Gruppe auch die zweite Nacht. Der Morgen schliesslich brachte Windstille und Sonne. Zwar ohne Frühstück, aber guten Mutes machten sich die drei in Richtung Gipfel auf. Finch und Bruce trugen je 18 Kilogramm auf ihren Rücken. Tejbir hatte noch zusätzlichen Sauerstoff aufgeladen erhalten, so dass sich seine Traglast auf rund 25 Kilo belief. Das Gewicht, die Erschöpfung und die ungeheure Kälte waren dann doch zuviel für den Gurkha. Etwa zweihundert Meter über dem Lager brach er bewusstlos zusammen. Es gelang, ihn wiederzubeleben. Erleichtert um den zusätzlichen Sauerstoff durfte er zurück marschieren, während Finch und Bruce sich gegen den nun wieder aufkommenden Wind in Richtung Gipfel aufmachten. Auf rund 8360 Metern geschah das nächste Missgeschick: Der Sauerstoffapparat von Bruce versagte. Finch gelang es, ein zerbrochenes Glasstück in der komplizierten Apparatur zu ersetzen − unter den äusserst schwierigen Umständen keine geringe Leistung. Aber er erkannte auch, dass die Erschöpfung nach zwei Nächten auf fast 8000 Metern und den grossen Anstrengungen zu gross war. Obwohl die Seilschaft vom Gipfel nur 500 Höhenmeter und 800 Meter in Luftlinie entfernt war, entschloss sich Finch schweren Herzens zur Umkehr. Dabei war er immer noch überzeugt, dass er unter günstigeren Umständen mit besserem Wetter und funktionierendem Nachschub den Gipfel hätte erreichen können.

Fast noch mehr als das Erreichen der neuen Rekordhöhe am Everest spricht für den Alpinisten Finch, dass er nach der Umkehr mit Bruce am selben Tag noch das sichere Lager III erreichte. Dort tat sich Finch an vier Wachteln in "pâté de foie gras" gütlich und verschlang neun Würstchen, nur um festzustellen, dass es ihn "noch immer nach mehr verlangte". Finch und Bruce waren zwar unendlich erschöpft und litten unter Erfrierungen an den Füssen. Ansonsten aber hatten sie das Abenteuer unbeschadet überstanden. Für den Alpinisten und Everest-Historiker Stephen Venables ist der Vorstoss von Finch und Bruce auf 8326 Meter "eine der bizarrsten Leistungen in der Geschichte des Bergsteigens": Mit einem Anfänger im Schlepptau hatte Finch über eine unbekannte Route am Everest einen neuen Höhenrekord erzielt. Der Rekord allerdings tröstete Finch nicht darüber hinweg, dass er den Gipfel eben doch nicht erreicht hatte. Finch konnte noch nicht wissen, dass die klettertechnischen Schwierigkeiten am Nordgrat grösser waren, als er von seinem Umkehrpunkt aus beurteilen konnte. Auch unter idealen Verhältnissen hätte der Second Step − eine dreissig Meter hohe, glatte Wand − für Finch und Bruce ein wohl unüberwindbares Hindernis bedeutet.

Immerhin bewirkten die Erfahrungen mit den Sauerstoffapparaten nun in der Expedition doch einen Wandel der Ansichten über dieses Hilfsmittel. Nun war es Mallory, der darauf brannte, die Vorteile supplementären Sauerstoffs bei einem dritten Angriff auf den Berg zu nutzen. Finch nahm zunächst am Aufstieg teil, entschloss sich dann aber schon im Lager I erschöpft zur Umkehr. Unter Führung des ungeduldigen Mallory bewegte sich die Kolonne mit zwei weiteren Briten und vierzehn Trägern unter glühender Sonne über die nun dick verschneite Route auf den Nordsattel zu. Hier geschah mitten am Nachmittag des 7. Juni das Unglück: Eine Lawine riss die ganze Gruppe mit sich. Alle drei Briten konnten sich selber befreien. Auch einige Träger krochen lebend aus den Schneemassen. Sieben Tibeter aber waren in eine Eisspalte gespült worden. Sie waren nicht mehr zu retten. Besonders schmerzte Finch, dass sich unter den Toten auch einer jener Träger befand, die so selbstlos Tee in das sturmumtoste Hochlager am Nordgrat gebracht hatten.

Für die Beurteilung der Katastrophe ist eine Stelle in dem − ausgesucht höflich verfassten − Expeditionsbericht bezeichnend. Expeditionskommandant Bruce hielt fest, dass Finch bei dem unglückseligen Aufstieg wegen seiner herausragenden Erfahrung in Schnee und Eis unter den herrschenden Bedingungen von "grösstem Nutzen" gewesen wäre. Die Katastrophe im Aufstieg zum Nordsattel hatte ihre Ursache nicht zuletzt in der fehlenden Erfahrung Mallorys mit diesen Verhältnissen, seiner Risikobereitschaft und seinem alpinistischen Ehrgeiz.

Von der Tragödie und dem daraufhin sofort beschlossenen Abbruch der Expedition erfuhr Finch erst, als er in Dover an Land ging. Für ihn stand nach der Rückkehr mehr denn je fest, "dass der Mount Everest ohne Sauerstoff niemals wird erstiegen werden". Sein Versuch mit Geoffrey Bruce habe, schrieb Finch, ganz einwandfrei die Ansichten der Sauerstoffgegner widerlegt. Anderseits "haben [wir] bis heute leider noch keinen Beweis, weder aus der praktischen Erfahrung noch aus wissenschaftlicher Forschung, dass es möglich ist, den Everest auch ohne Sauerstoff zu erreichen".

Allerdings waren Finchs Beziehungen zum Everest-Komitee nach dem Abbruch der Expedition "gespannt". Er wurde nie wieder zu einer Everest"=Expedition eingeladen. Und nie mehr versuchte er sich an Himalaja-Gipfeln. Hatte er sich mit seinem glühenden Eintreten für den komplementären Sauerstoff beim konservativen Alpine Club unbeliebt gemacht? War er bei den anderen Expeditionsteilnehmern durch seine fordernde Art mehr angeeckt, als es selbst ausgesprochene Individualisten ertrugen? Oder sah er keine Möglichkeit mehr, lange Reisen in den Himalaja mit seiner jungen Familie und der wissenschaftlichen Karriere in Einklang zu bringen?

Mallory dagegen, dem mindestens ein Teil der Verantwortung für die Katastrophe am Nordsattel zugeschrieben wurde, wurde von den Organisatoren der Expedition von 1924 zur Teilnahme überredet. Leiter dieser Expedition war jener Edward Norton, der Finch zwei Jahre zuvor im Stich gelassen hatte, um mit Mallory den Vorstoss zu wagen. Immer noch eher widerwillig benützte Mallory die nochmals verbesserten Sauerstoffapparate. Dass er den alpinistischen Anfänger Irvine zum Kletterpartner beim entscheidenden Aufstieg auserkor, hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass Mallory es sich nicht zutraute, den komplizierten Apparat in Schuss zu halten. Irvine dagegen war zwar kein erfahrener Alpinist, aber geschickt im Umgang mit den Schläuchen und Ventilen. Ein Rest von Skepsis gegenüber der "englischen Luft" blieb erhalten. Der begleitende Arzt dieser dritten Expedition am Everest kam − ähnlich wie der Schotte Kellas drei Jahre zuvor − zum Schluss, dass der menschliche Körper grundsätzlich in der Lage ist, den Everest-Gipfel ohne künstliche Sauerstoffzufuhr zu erreichen. Zudem berichtete Noel Odell, der Mallory und Irvine zuletzt gesehen hatte, bei der Rückkehr, er hätte bei seinem Aufstieg bis auf 8200 Metern keine besondere Wirkung seines Sauerstoffapparats gespürt. Damit schwang das Pendel wieder in Richtung der Sauerstoffgegner.

Auch wenn es Finch nicht mehr in den Himalaja zog, so blieb er dem Alpinismus doch treu. Im Jahr nach der Expedition gelang ihm die Erstbegehung der Dent-d'Hérens-Nordwand. Dieses bis damals für "unmöglich" gehaltene Unternehmen war wohl die Krönung seiner alpinistischen Karriere. Die Routenwahl war bezeichnend für Finch. Den obersten, 60 bis 70 Grad steilen Teil der Wand hielt er zurecht für äusserst lawinengefährdet. Deshalb wich er auf dem letzten Teilstück auf den Ostgrat aus. So kam es, dass ein risikofreudigerer Alpinist ihn um die Meriten dieser Erstbegehung brachte. 1925 durchstieg der deutsche Eiskletterer Willy "Willo" Welzenbach in einer seiner legendären Parforceleistungen die Nordwand direkt zum Gipfel.

An seiner Universität gründete Finch nach dem Modell des AACZ den "Imperial College Mountaineering Club", einen der ersten akademischen Kletterklubs in Grossbritannien. Wenig konnte Finch aber den Bergen auf den britischen Inseln abgewinnen. Dafür führte er die Mitglieder des Clubs regelmässig auf ausgedehnte Unternehmungen in den Alpen. 1931, auf einer solchen Tour, stürzte beim Abstieg von der Jungfrau am Rottalsattel eine von vier Seilschaften. Obwohl alle Teilnehmer Steigeisen trugen, musste einer auf dem nur knapp mit Schnee bedeckten Eis ausgeglitten sein. Unter den drei Toten befand sich auch Raymond Peto, einer von Finchs Begleitern an der Dent d'Hérens. Der Mitreissunfall auf Blankeis markierte für den damals 42-jährigen Finch das Ende des Alpinismus, auch wenn er seine eigene Seilschaft sicher zu Tal gebracht hatte. Auch gesundheitliche Probleme hielten ihn vom Bergsteigen ab. Auf einen Sport an der frischen Luft mochte er aber nicht verzichten. Er verlegte sich auf das Meer und segelte zusammen mit seiner Frau und den heranwachsenden drei Töchtern auf einer eigens erworbenen Jacht.

Vor allem aber setzte Finch seine akademische Karriere fort. Seit 1927 war er Assistenzprofessor am Imperial College, und 1936 wurde er auf den Lehrstuhl für angewandte physikalische Chemie berufen. 1937 machte er einen Abstecher an die Universität von Brüssel und 1938 wurde Finch Miglied der Royal Society. Sein wissenschaftliches Interesse war ungewöhnlich breit. Er beschäftigte sich unter anderem mit dem Grenzgebiet zwischen elektrischen und chemischen Prozessen. Die Emeritierung 1952 bedeutete für ihn nicht den Ruhestand. Er ging nach Indien und leitete dort das National Chemical Laboratory.

In all den Jahren blieb Finchs Interesse am Alpinismus ungebrochen~− genau wie die Überzeugung, dass der Everest-Gipfel nur mit "englischer Luft" zu bezwingen sei. Er vertrat seinen Standpunkt im offiziellen Bericht der Expedition von 1922. Noch eloquenter sprach er sich 1925 in seinen Erinnerungen "The Making of a Mountaineer" dafür aus. Im selben Jahr erschien in Deutschland sein "Kampf um den Everest". Diese Veröffentlichung auf deutsch ist ein eigentliches Kuriosum. Später wurde vermutet, Finch habe diesen Weg suchen müssen, weil es ihm nach den Querelen mit dem Everest-Ausschuss nicht mehr möglich gewesen sei, in England zu publizieren. Treibkraft der Buches aber war der Übersetzer, Walter Schmidkunz, ein deutscher "Bergvagabund", der schliesslich als Bergschriftsteller sein bürgerliches Auskommen gefunden hatte. Unter anderem betätigte sich Schmidkunz als Ghostwriter für Leo Maduschka. Maduschka war dank seinen zahlreichen schwierigen Erstbegehungen − und seinem Tod im Gebirge − ein Leitstern junger deutscher Alpinisten in den 1920-er und 30-er Jahren. Später schrieb Schmidkunz auch die Erinnerungen Hans Ertels, der als Kameramann Leni Riefenstahl an die Olympiade 1936 begleitet hatte.

Dieser rührige Alpinliterat witterte die Chance, das dank den Schlagzeilen um Mallory auch in Deutschland grosse Interesse am Everest für eine Buchveröffentlichung zu nutzen. Finch konnte exklusives Material dafür liefern. Zudem war der Brite den deutschen Bergsteigern von seinen Studienjahren in der Schweiz wohlbekannt, und er war nach dem Krieg einer der ersten "feindlichen" Ausländer, "der kam, um die alten Freundeshände zu schütteln". Schmidkunz warf dann 1925 den "Kampf um den Everest" auf den Büchermarkt, der zur Hauptsache Finchs Expeditionsbericht enthält, ergänzt um ein schmales Kapitel über die Expedition von 1924, das Finch (oder Schmidkunz als sein Ghostwriter) aus zweiter Hand verfasst hatte.

Nach 1924 wurde es trotz dem brennenden weltweiten Interesse für fast ein Jahrzehnt still um den Everest. Erst ab 1933 erlaubte der Dalai Lama den Briten, sich erneut am Everest zu versuchen. Die vier Expeditionen der 1930-er Jahre waren aber durch widrigstes Wetter behindert und erreichten trotz Einsatz von reichlich zusätzlichem Sauerstoff keinen höheren Punkt, als ihn Teilnehmer der Expedition von 1924 auch ohne die Apparate erklommen hatten. In dieser Zeit wurde die Ansicht, dass man über 8500 Meter nicht ohne zusätzlichen Sauerstoff klettern könne, zum Dogma.

Dazu hatte Finch einiges beigetragen. In Versammlungen des Alpine Club im Vorfeld von Eric Shiptons Expedition 1933 plädierte er regelmässig energisch für den Sauerstoffeinsatz. Dies tat er auch später bei jeder sich bietenden Gelegenheit, etwa bei den Diskussionen nach Himalaja-Vorträgen. Ein ihm wohlgesinnter Freund schrieb, die Zuhörer hätten ihn wegen dieser Belehrungen für "besessen" halten können. So war es auch selbstverständlich, dass er seine Meinung wieder geltend machte, als die Briten Anfang der 1950-er Jahre das Streben nach dem Everest wieder aufnahmen, diesmal von der nepalesischen Südseite. 1952 wiederholte Finch seine Argumente nochmals ausführlich in einem Vortrag vor der Royal Institution. Die Schweizer Expedition dieses Jahres berief sich bei der Konstruktion der von ihr benützten Sauerstoffapparate auf Finchs damals 30 Jahre alte Konstruktion. Gerade diese Bauart versagte am Berg. Als die Schweizer in der Nachmonsun-Saison mit von Grund auf anders konzipierten Geräten wiederkamen, fehlte ihnen aber das Wetterglück. Immerhin erreichte Raymond Lambert eine neue Rekordhöhe 200 Meter unter dem Gipfel. Das AACZ-Mitglied André Roch bestieg den Südsattel und verbrachte dort mehrere ungemütliche Nächte.

1953 wagte sich eine weitere britische Expedition an den Berg. Die Expedition unter John Hunt hatte die Sauerstoff-Frage wieder systematisch angegangen. Während sich die Briten Lager für Lager zum Südsattel vorarbeiteten, testeten sie unterschiedliche Sauerstoffsysteme. Für den Gipfelsturm verwendeten Hillary und Tenzing leistungsfähige Geräte, die rund vier Liter Sauerstoff pro Minute liefern konnten − fast die doppelte Leistung, die Finchs Improvisationen hatten liefern können. Hillary war auf dem Weg vom Süd- zum Hauptgipfel noch in der Lage, im Kopf die richtige Dosierung des Sauerstoffs zu berechnen. Die Menge, welche die beiden Erstbesteiger mit sich führten und unterwegs für den Abstieg deponierten, reichte exakt aus. Für Expeditionsleiter Hunt war damit die Debatte über die ethische Berechtigung des Sauerstoffgebrauchs "müssig" geworden. Ganz abgesehen von der Frage, ob Berge über 8000 Meter ohne Sauerstoff überhaupt mit Erfolg erstiegen werden könnten, schrieb Hunt, verringere der Sauerstoff ohne Zweifel die Gefahren und steigere die subjektive Empfindungsfähigkeit, "die doch letztlich ein Hauptmoment des Bergsteigens ist". Damit schien der Streit um die bergsteigerische Ethik der Sauerstoffapparate ein für alle mal entschieden zu sein.

Von George Finch ist keine Äusserung dazu überliefert, nicht einmal ein Zeichen der Genugtuung. Doch die Beziehungen zur alpinistischen Garde Grossbritanniens hatten sich entspannt. 1959 wurde Finch Präsident des Alpine Club und gleichzeitig auch Vorsitzender der Mount Everest Foundation. 1961 trat er von diesen Ämtern wieder zurück. Damit kam auch sein Rückzug in das Privatleben eines Pensionärs. Im November 1970, im Alter von 82 Jahren, starb George Finch.

Erst acht Jahre später zerpflückten Reinhold Messner und Peter Habeler das von Finch mitbegründete Dogma. Die beiden erreichten am 8. Mai 1978 als erste Menschen ohne "englische Luft" den Everest-Gipfel. "Allen Unkenrufen zum Trotz sind wir noch bei Trost", schrieben sie nach der Rückkehr in einer ironischen Postkarte einem Physiologen. Medizinische Untersuchungen an Messner, Habeler und einer Reihe weiterer Höhenbergsteiger zeigten tatsächlich, dass der Sauerstoffmangel nur zu kaum merklichen körperlichen Schäden geführt hatte. Noch wichtiger aber war die Erkenntnis, dass diese Höhenbergsteiger keine aussergewöhnlichen, "übermenschlichen" Fähigkeiten zur Sauerstoffaufnahme haben. Damit hatte Messner die Besteigung des Everest ohne Sauerstoff aus der Sphäre des "Unmöglichen" auf die Ebene der Debatten über alpinistische Ethik zurückgeführt.

Messner als Wortführer einer radikalen Auffassung des Alpinismus will sich die "Herausforderung des Menschen vor dem Berg" nicht durch technische Hilfsmittel verderben. Unter den Vorbildern, die er für sich überhaupt zulässt, preist Messner drei Puristen unter den Alpinisten: Den Briten Albert Frederick Mummery, der die Formel des Bergsteigens "by fair means" geprägt hatte, Paul Preuss, der beim Klettern auf Mauerhaken verzichtete und ihren Gebrauch verurteilte, und eben Mallory. Dass Mallory am Everest mehrfach − und gerade auch bei seinem allerletzten Aufstieg − Sauerstoff benützt hatte, übergeht Messner dagegen geflissentlich.

Auch nach Messners und Habelers Pioniertat blieb der Gebrauch von zusätzlichem Sauerstoff am Everest die Regel. Von den total 1659 Besteigungen bis im Herbst 2002 gelang nur ein Bruchteil ohne Flaschensauerstoff. Lediglich 88 Bergsteiger − unter ihnen viele an grosse Höhen lebenslang gewöhnte Sherpas − sind überhaupt ohne "englische Luft" auf den Gipfel gelangt. Trotz der langen Tradition schweizerischer Forschung im Himalaja befinden sich nur zwei Schweizer unter den Besteigern, die ohne zusätzlichen Sauerstoff auf den Gipfel gelangten: Erhard Loretan und Jean Troillet, die 1986 in einem 43-stündigen Handstreich den Berg bezwangen.

Nicht zuletzt unter dem Einfluss des Technik-Verächters Messner und angesichts der zu Müllhalden aufgehäuften leeren Sauerstoff-Flaschen stösst die "englische Luft" mehr und mehr auf Ablehnung. Die zahlreichen Toten, die Unfälle auf kommerziellen Expeditionen in den letzten Jahren forderten, haben den Ruf des Bergsteigens mit Sauerstoff auch nicht verbessert. Die Alpinjournalistin Christine Kopp etwa geisselt die "Everestomanie", die sie wesentlich darauf zurückführt, dass künstliche Sauerstoffzufuhr den Weg zum Gipfel erleichtert. Für viele Everest-Besteiger, schreibt sie, ist "das Prestige, das man heimträgt, wichtiger als der Stil, mit dem man es erworben hat". Mit dieser Aussage schlägt sich Kopp auf die Seite einer Art "reiner Lehre" des Alpinismus, die für bergsteigerische Leistungen hohe Kriterien ansetzt.

George Finch hat das Wiederaufflammen dieser ihm nur zu bekannten Diskussion nicht mehr erlebt. Als Verfechter eines Alpinismus mit beherrschbarem Risiko wäre er in der Debatte der Querschläger geblieben, der er immer war. Der alpinistische Ruhm, der Mummery, Mallory und Messner Weltberühmtheit eintrug, blieb ihm versagt. Er hat ihn wohl auch nicht gesucht. Er ging die Risiken nicht ein, die zweien der drei schliesslich auch am Berg das Leben gekostet hatten. Sein Beitrag zum Alpinismus hat das Höhenbergsteigen nicht spektakulärer gemacht wie das Verschwinden Mummerys am Nanga Parbat und Mallorys legendäres Scheitern am Everest, oder die unglaublichen Höchstleistungen Messners. Die "englische Luft", die Finch gegen die Vorurteile seiner Zeitgenossen vertrat, hat das Abenteuer Everest aber berechenbarer, sicherer gemacht.

Letztlich aber zählte für Finch nicht einmal das. Den Zuhörern seiner Abschiedsrede vor dem britischen Alpine Club berichtete er mit dem grössten Enthusiasmus nicht vom Everest, sondern von einer Gesangsrunde auf dem Tödi. Er erzählte von der letzten der 22 Touren, die er auf den Gipfel unternommen hatte, den er als "König der kleinen Berge" ansah: Mit ihm marschierte eine Gruppe von Schweizern, die merkwürdig ausgebeulte Rucksäcke trugen. Im aufziehenden Nebel packten die Schweizer eine Handorgel und andere Instrumente aus. Alle sangen und musizierten "zwei glückliche Stunden" lang. "Die Liebe zu den Bergen", sagte Finch zum Schluss seiner Abschiedsrede, "ist eine rein persönliche Angelegenheit. Sie ist nicht das Ergebnis einer zufälligen Begegnung, sondern wächst mit der Erfahrung."

Literatur

Auf die Spur Finchs bin ich in Ralf-Peter Märtins "Nanga Parbat. Wahrheit und Wahn des Alpinismus" (Berlin 2003) gestossen. Märtin gibt Finch darin die Bedeutung, die ihm neben dem viel berühmteren Mallory gebührt. In der Bibliothek des AACZ sind die -- noch immer spannend zu lesenden -- Erinnerungen Finchs "The Making of a Mountaineer" (London 1925) greifbar. Leider etwas zu spät für diesen Artikel habe ich schliesslich über Umwege die Neuausgabe von Finchs Buch entdeckt (London 1988). Es enthält eine aufschlussreiche biographische Skizze Finchs, die von seinem Schwiegersohn Scott Russel verfasst wurde. Die offiziellen Berichte der ersten beiden britischen Expeditionen sind als wertvolle Bände ebenfalls in der Bibliothek des AACZ aufzufinden (C.K. Howard-Bury: "Mount Everest, the Reconnaissance 1921", London 1922; und C.G. Bruce: "The Assault on Mount Everest 1922", London 1923). In der Zentralbibliothek des Schweizer Alpenclubs SAC, die in der Zentralbibliothek Zürich zugänglich ist, fand sich Finchs "Kampf um den Everest" (Leipzig 1925). Der Übersetzer Walter Schmidkunz hatte offenbar sein Möglichstes getan, um den trockenen britischen Humor Finchs in das stahlrasselnde Deutsch der 1920-er Jahre zu übersetzen. In der SAC-Bibliothek ist auch das Alpine Journal des britischen Alpine Club zu finden. T.S. Blackeneys Nachruf auf Finch befindet sich in der Nummer 77 von 1972 auf den Seiten 287--290. Wertvoll war auch der Nachruf auf Finch in der Times vom 24. November 1970. Aufschlussreich für Belange der Geschichte der Everest-Expeditionen und der Benutzung von Sauerstoff waren schliesslich Stephen Venables "Everest" (London 2003) sowie "Kopfwehberge. Eine Geschichte der Höhenmedizin" (Zürich 2001) von Oswald Oelz und Elisabeth Simons.




AACZ   Akademischer Alpen-Club Zürich
AACZ / 15. Apr. 2005 (ab)
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